Was tun, wenn nichts mehr geht?
Das Programm im Alltag wird für viele Menschen immer dichter. Dazu zählt nicht nur die Arbeit: Familie, Amtswege, Organisatorisches oder auch der sogenannte „Freizeitstress“ füllen das Leben aus und lassen kaum Zeitfenster für Leerlauf offen. Das klingt im ersten Moment vielleicht gut, denn wer will schon nichts tun? Doch gerade das ist es, was die menschliche Seele am Laufen hält: Zeiten der Untätigkeit, der Langeweile und der Zerstreuung. Kleine Auszeiten haben eine große Wirkung auf Körper und Geist. Spaziergänge durch die Natur, während Sie dem Gesang der Vögel lauschen oder den Duft des Waldes riechen, helfen Ihnen, die geistigen Tanks wieder aufzufüllen.
Doch gerade Schriftsteller sind da oft sehr streng mit sich selbst. Die Zeit für das kreative Schaffen kann sich nur dürftig gegen die Anforderungen des Alltags behaupten, und da will man sie dann nicht mit vermeintlichem Nichtstun verschwenden. Job, Haushalt und soziale Verpflichtungen halten einen tagsüber vom Schreiben ab, und manch einer zwingt sich dann spät in der Nacht, wenn die Augenlider schon schwer werden, noch vor das Werk und versucht, zumindest noch ein Kapitel herauszupressen, an dessen Anfang man sich dann gar nicht mehr erinnern kann, wenn man sich schließlich schlafen legt. Unter solchen Bedingungen kann eine Geschichte nicht gedeihen, und noch viel wichtiger: Man vernachlässigt das eigene Wohlbefinden.
Burn-out ist inzwischen vielen Menschen ein Begriff. Alltagsstrukturen setzen sich langsam fest, die es begünstigen, und wenn man es bemerkt, steckt man meist schon mittendrin. Und das erste, was dem Burn-out zum Opfer fällt, ist die Kreativität und die Leidenschaft für das eigene Tun. Sie versinken in Müdigkeit, Lustlosigkeit und einer regelrechten Apathie, die sich im schlimmsten Fall bis zu Depressionen auswachsen können.
Beim Burn-out geht es um viel mehr als nur um Ihre Kreativität. Es geht um mentale sowie auch körperliche Gesundheit. Das Schreiben kann für viele auch als Ausgleich wirken, sollte aber nie zum Zwang werden. Wenn Sie sich also regelrecht dazu aufraffen müssen, Ihr Manuskript zu öffnen, ist es Zeit, allen schriftstellerischen Vorsätzen zum Trotz den Text erstmal ruhen zu lassen und sich um sich selbst zu kümmern.
Zu Beginn der Urlaubssaison haben wir Tipps zusammengetragen, wie es gelingen kann, dem Burn-out zuvorzukommen und die mentalen Reserven voll zu halten.
Achtsamkeit
Es ist ein viel gebrauchtes Wort, das es meint, sich auf einzelne, manchmal kleine Dinge zu konzentrieren und sie anzunehmen. Vieles, was uns umgibt, nehmen wir gar nicht mehr wahr, denn es sind zu viele Reize, zu viele Eindrücke, die zu schnell und zu oft auf und einprasseln. Der moderne Lifestyle macht einen Glauben, dass es eine Gabe ist, mit Multitasking durchs Leben zu gehen und viele Dinge gleichzeitig regeln zu können, doch tatsächlich ist es eine permanente Belastung für das geistige Wohlbefinden. Achtsamkeitsübungen helfen, sich wieder auf eine Sache zu konzentrieren und – ebenso wichtig – andere Dinge auszublenden. Je tiefer man in der Flut der Überreizung steckt, desto schwerer können solche Übungen sein. Meditation oder Qigong bieten einen Einstieg, und gerade für Schreibende gibt es noch eine andere Praxis: das Schreiben selbst.
Priorisierungen
Viele von uns kennen das wahrscheinlich aus dem Job: „Priorität: hoch!“ Gerade die Arbeit ist ein Faktor, der starken Druck ausüben kann und das Burn-out begünstigt. Besonders anfällig dafür sind Menschen, die sich beweisen wollen oder müssen und einen leichten Hang zum Perfektionismus haben.
Dabei ist die höchste Priorität immer und in allen Belangen man selbst. Arbeit oder andere Faktoren sind wichtig und brauchen ihren Raum, doch sie dürfen nicht alles übernehmen. Setzen Sie Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen Sozialem und Zeit für sich selbst, zwischen Aktivität und Ruhephasen. Für diese Grenzen brauchen Sie sich nicht zu rechtfertigen, Sie brauchen sie nicht einmal zu erklären. Lernen Sie, „Nein“ zu sagen und respektieren Sie auch selbst Ihr eigenes Nein. Wenn Sie selbst Ihre Grenzen nicht einhalten, wird auch niemand anders einen Grund sehen, es zu tun. In vielen Fällen ist der Druck, den man sich selbst macht, in der Praxis sogar unbegründet. Es macht kaum einen Unterschied, ob man eine Arbeit am Montag kurz für Dienstschluss oder am Dienstagmorgen abschließt.
Legen Sie Prioritäten in Ihrem Zeitmanagement fest und fordern Sie Respekt vor diesen Prioritäten ein – auch und vor allem von sich selbst.
Selbstliebe
Burn-out-Gefährdete Menschen weisen oft gewisse Muster und Ähnlichkeiten in ihren Charakterzügen auf. Sie kämpfen mit Selbstzweifeln und sind ständig bemüht, sich selbst und anderen zu beweisen, dass sie genug sind. Daher rührt auch ein Hang zum Perfektionismus und der Drang, anderen zu gefallen und die Bedürfnisse von Außenstehenden zufriedenstellen zu müssen.
Dieses Muster erzeugt auf mehreren Wegen eine Abhängigkeit und treibt das Ausbrennen voran. Umgemünzt auf das kreative Schreiben würde es bedeuten, nur Texte und Geschichten für das Publikum zu schreiben. Der Zweck der schriftstellerischen Tätigkeiten ist nicht mehr das Ausleben von Kreativität, sondern vielmehr die Suche nach Anerkennung. Man wird sehr anfällig auf Kritik und verliert außerdem auch die Lust am Spiel mit Sprache und Fantasie, da diese vor dem Bedürfnis nach Zuspruch völlig ins Hintertreffen gerät.
Selbstliebe und Akzeptanz lassen sich lernen. Es gibt verschiedene Routinen und Rituale, zum Beispiel das Führen eines Tagebuches, in dem man positive Erinnerungen an den Tag festhält, oder Dinge, für die man dankbar sein kann, schaffen Stabilität. Diese Rituale bauen sich mit der Zeit auf und erfordern ein gewisses Durchhaltevermögen – man darf nicht an die Wunderwirkung nach wenigen Anwendungen glauben.
Zu empfehlen ist auch der „Künstlertreff“ – eine Verabredung mit sich selbst, die Sie behandeln wie einen wichtigen Termin. Tragen Sie ihn im Kalender ein und fixieren Sie einen Zeitraum, in dem Sie sich ganz sich selbst und der kreativen Inspiration widmen – die können Sie im Garten, auf den Bergen, in der Therme oder einer Bibliothek finden.
Achtsam und liebevoll mit sich selbst umzugehen ist in den schnellen und fordernden Zeiten von heute eine große Herausforderung. Wenn Sie sie ernst nehmen und nicht herunterspielen, werden Sie merken, dass es sich nicht nur positiv auf Ihr mentales Wohlbefinden auswirkt, sondern auch auf den Schreibfluss und die Freude an der Kreativität.




