Fürs Schreiben ist man nie zu alt
Man ist nie zu alt, seine Träume zu verwirklichen – dieser idealistisch klingende Satz geistert durch Ratgeber, Geschichten und Filme gleichermaßen. Doch in der Lebensrealität setzen Menschen ihn viel zu selten um. Die Zeit für Träume ist die Jugend. Je älter man wird, desto stärker ist man in Routinen und Abläufen verankert.
Diese Lebenseinstellung tritt oft schleichend ein, und sie hat zweierlei schwierige Effekte: Sie setzt die jungen Jahre stark unter Druck, muss man dort doch das Fundament für den Rest des Lebens legen. Und sie entwertet die späteren Jahrzehnte und lässt sie regelrecht erstarren.
Dieses Narrativ wird oft durch Berichterstattung und öffentliche Wahrnehmung bestärkt. Es wird viel darüber geredet, wie erfolgreich junge Menschen sind – Sportler, Schauspieler und nicht zuletzt auch Schriftsteller. Oft wirkt es so, als würde man weniger ihre Erfolge feiern als die Tatsache, dass sie schon so jung diese Erfolge erzielen konnten. Über junge, erfolgreiche Autorinnen und Autoren wird enthusiastisch berichtet, und ihr Talent und ihre Werke sind in der Tat beeindruckend. Christopher Paolini hat schon im Alter von nur 19 Jahren mit seiner „Eragon“-Reihe weltweit Erfolge erzielt; Cecelia Ahern war bei Erscheinen ihres Bestsellers „P.S. Ich liebe dich“ gerade einmal 23 Jahre alt. Selbst unter Werken, die längst zu den Klassikern zählen, finden sich zahlreiche Jungstars: Mary Shelleys „Frankenstein“ erschien, als die Autorin 20 Jahre alt war, Thomas Mann ließ mit seinem monumentalen „Buddenbrooks“ mit 26 Jahren aufhorchen.
Bei all diesen Erfolgsgeschichten kommt die andere Seite oft zu kurz. Dabei ist es auch vielversprechend, sich in höherem Alter – mit deutlich mehr Reife und Lebenserfahrung – ans Schreiben zu wagen. Die Texte älterer Schriftstellerinnen und Schriftsteller sind oft tiefgründiger, philosophischer und gesetzter, und vielleicht gerade auch deshalb nicht so sehr für die Schlagzeilen geeignet. Diese Reife und Gewandtheit ist etwas, was selbst das größte Talent der Welt nicht ersetzen kann, und sie hat schon vielen Autoren zu spätem Ruhm verholfen. Wir stellen einige davon vor und zeigen, dass Literatur keine Altersgrenzen kennt. Wie schon Walt Whitman sagte: „Niemals war mehr Anfang als jetzt.“
Umberto Eco (48)
Einer der bekanntesten Namen auf dieser Liste ist bestimmt der Italiener Umberto Eco. Obwohl er als wissenschaftlicher Autor schon in seinen Zwanzigern tätig war, hat er seinen ersten Roman erst mit 48 Jahren veröffentlicht. Bei diesem Debütroman handelt es sich gleichzeitig auch um sein wohl bekanntestes Werk: Der Name der Rose. Das 1980 erschienene Buch machte ihn schlagartig berühmt, seine folgenden Werke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Obwohl er untrennbar mit dem vielschichten philosophischen Werk in Verbindung gebracht wird, ist Eco gleichzeitig auch ein wunderbares Beispiel dafür, dass man sich als Autor auch vielseitig verwirklichen kann – selbst, wenn man später beginnt. Eco hat neben zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen und Romanen auch politisch motivierte Werke und sogar Kinderbücher geschrieben und eine größere Bandbreite an Genres abgedeckt, als man ihm generell wohl zuschreibt.
Martin Suter (49)
Nur ein Jahr älter als Eco war Martin Suter zum Zeitpunkt seines Romandebüts: Small World erschien 1997, als Suter 49 Jahre alt war. Der Schweizer war vor seinem Debet Creative Director und Texte für verschiedene Werbeagenturen und somit mit einer ganz anderen Art von Texten beschäftigt; er gründete später sogar seine eigene Agentur. Suter gilt heute als einer der erfolgreichsten Schriftsteller der Schweiz und wurde auch mit dem französischen Literaturpreis Prix du premier roman für sein Erstlingswerk ausgezeichnet.
Ingrid Noll (56)
Die deutsche Schriftstellerin Ingrid Noll hat sich noch länger Zeit gelassen, bis sie ihren ersten Roman auf den Markt gebracht hat – und das ist auch kein Wunder. Als Mutter von drei Kindern und durch die Mitarbeit in der Arztpraxis ihres Mannes war die Zeit zum Schreiben für sie stets ein seltenes Gut. Selbst die räumlichen Voraussetzungen waren nicht gegeben, so erzählte Noll. Es habe an Ruhe und einem passenden Zimmer im eigenen Haus gefehlt, um sich der Arbeit an ihrem Roman zu widmen. 1991, als die in Shanghai geborene Noll 56 Jahre alt war, war es schließlich so weit: Der Hahn ist tot erschien, ihr erstes Werk und der Auftakt zu einer späten Karriere als eine der erfolgreichsten Krimiautorinnen im deutschsprachigen Raum. Ihre Bücher wurden bereits in 27 Sprachen übersetzt, das letzte davon, Nachteule, erschien erst 2025 – als die Autorin ihren 90. Geburtstag feierte.
Edward Osborne Wilson (82)
Einen großen Sprung im Alter machen wir mit dem US-Amerikaner Edward Osborne Wilson. Sein Leben widmete er der Naturwissenschaft und besonders einem ganz bestimmten Insekt und dessen Verhaltensweisen: Ameisen. Zeit seines Lebens hat er über Evolution und Soziobiologie geforscht, und ironischerweise spielen Ameisen auch in seinem Debütroman, den er erst mit 82 Jahren herausgebracht hat, eine wichtige Rolle: Ameisenroman – Raff Codys Abenteuer. Die Geschichte erzählt von einem Jungen, der sich voller Begeisterung der Erforschung der Natur in seiner Heimat hingibt, im Erwachsenenalter dann aber doch einen völlig anderen Weg einschlägt und Jura studiert. Als eine Immobilienfirma die Landschaft, in der er als Kind gelebt hat, für sich beanspruchen will, beginnt eine neue, ganz persönliche Herausforderung für Raff Cody. Das Buch ist unterhaltsam, liest sich mal wie ein Thriller, mal wie ein philosophisches Werk und hat besonders mit seinem ausgefallenen Ende für Aufsehen gesorgt – no spoilers.
Lorna Page (93)
Die Engländerin Lorna Page ist die älteste Debütantin auf unserer Liste. Mit 90 Jahren schloss sie ihren Roman A dangerous weakness ab – nur, um ihn dann für drei Jahre in der Schublade liegen zu lassen. Page hielt das Werk nicht für veröffentlichungsreif. Erst, als ihre Schwiegertochter das Manuskript entdeckte, schaffte es schließlich seinen Weg an die Öffentlichkeit. Sie war begeistert von dem Text und fand schließlich einen Verlag, der ihn veröffentlichte. Der Thriller war erfolgreich genug, um Page mit 93 Jahren genug finanzielle Mittel einzubringen, dass sie das Altersheim verlassen konnte, in dem sie lebte, und mit Freunden in ein Landhaus zu ziehen.
Der vindobona-Verlag – selbst ein traditionsreiches Haus – ist auf der Suche nach jungen wie alten Talenten, um einzigartigen Geschichten einen Weg an die Öffentlichkeit zu geben. Wer viel erlebt, gesehen und erfahren hat, kann auch besondere Geschichten schreiben. Wir freuen uns darauf, Ihrem Werk eine Chance zu geben!




